Der Herbst des Lebens zieht ins Land, und die Tage werden kürzer, die Schatten länger. So ist es hoch an der Zeit, sich einmal mehr auf den Weg zu machen, Menschen zu treffen und über Wunder zu staunen, die da draußen auf den warten, der sie sehen mag. Auf unserer Reise zu uns selbst berauschen wir uns diesmal an der Kultur der Etrusker, beschleunigen durch endlose Kurven direkt ins Licht der Toskana und bedanken uns beim Gott des Donnergrollens, der uns so gnädig gestimmt ist, in diesem elendig verregneten Mai 2023.

Kurven, Kunst und Kulinarik

 

Atemlos durch die Toskana

von Gernot & Lisi Stadler

Wir sehen den Sonnenuntergang am Iseosee, fahren durch die tausende Jahre junge Geschichte der Toskana, wir stehen im Manhattan des Mittelalters, betäuben uns am erdigen Aroma des Chianti Classico, wir versinken in den Farben von Botticelli, Tizian, Michelangelo, Leonardo da Vinci und in den Formen von Enzo, wir beschließen die Reise auf einem Bauernhof hoch über Meran. Und während wir mit vier Guzzis und einer Kathi durch das Land der Etrusker cruisen, sitzt der einsame Erpel Erich-Maria traurig am Pool der Tenuta Sant’Illario.

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Feldkirch – Fluela – Bernina – Edolo – Iseo

Schneebrünzler und Regenhose

Wir schreiben Anfang Mai und seit Wochen jagt eine Regenwalze nach der anderen übers Land. Auch den  geplanten ersten Sonntag des Monats als Abreisetag in die Toskana können wir laut Wetterbericht vergessen, und so probieren wir’s einen Tag früher von Feldkirch über Chur, St. Moritz, Flüela- und Bernina-Pass sowie Edolo an den Iseosee. Die etruskische Reisegruppe besteht aus den folgenden Mitgliedern und -innen des Motorradclubs Guzzisti Montfort:

  • Peter & Sigrid (Stelvio senfgelb namens „Terra de Siena”)
  • Rochus & Shirly (V7 komfortabler mit „Shirly-Bar”)
  • Elmar & Rita (Stelvio mit losen Krümmermüttern)
  • Gernot & Lisi (V85TT mit Sound von G.P.R.)
  • sowie Traugott, der aus anatomischen Erwägungen der KTM 990 Adventure den Vorzug vor seiner California 1100 geben muss.
 
Tag 1: Feldkirch – Iseo

 

Die fünf Stunden Anfahrt zum Iseosee verlaufen mehr oder weniger problemlos. Anzumerken gilt es nur, dass Rochus zu spät erscheint, sich der „allgemeinen Vorschrift” zum Tragen der Regenhose widersetzt, sich dem gemeinsamen Tanken verweigert und vorschriftswidrig in der Gruppe überholt. Diese Ordnungswidrigkeiten werden mit der 1. Strafrunde Campari in Edolo sanktioniert, worauf es keine Rückfälle auf der weiteren Reise mehr gebe sollte. Die Einfärbung des frischen weissen Schnees am Straßenrand des Fluelapasses durch vorwiegend männliche Teilnehmer wird unter dem Arbeitstitel „Schneebrünzler” im Tagebuch vermerkt. Ein, zwei eher gewagte Überholmanöver werden dann noch im Sitzkreis im Hotel International in Iseo besprochen.

 

Alles in allem bringt der 1. Tag 328 weitgehend trockene Kilometer und einen mediterranen Abend in Iseo. Als positiv vermerken wir die schöne, entspannte Szenerie am See mit wunderbarem Sonnenuntergang und die hunderten jungen gut gelaunten Italienern und -innen – eher negativ fällt dann das einzige unfreundliche Fischlokal der Stadt auf, das wir zielstrebend gefunden haben, um dann dreiviertel Stunden auf Lisis „Spaghetti della Nonna” zu warten. Den Hang zur Improvisationskunst beweist Traugott auf dem Heimweg, der die noch halbleeren Bäuche zu einem zweiten Dinner (Secundo Pati) und „Birra Dolomiti” in der 0,75l Flasche lädt: ein paar Pizzas am Lido entschädigen für das erste Lokal (Prima Pati) des Abends, das – wie oben erwähnt – eher für die Fische war. Und als Peter seine Fantasie von Fesselspielen für die Nacht skizziert, wechselt die Stimmung erstmals ins Lächerliche.

Tag 2: Dolce far niente in Iseo

 

Es ist ein milder Sonntag morgen in Iseo und wir sind schon dort, während der Fluelapass wieder eine weiße Haube trägt. Die Reisegruppe nutzt bereits am zweiten Reisetag ihren ersten Tag zur freien Verfügung: Traugott bummelt am See, Rita trifft sich mit Lisi und Gernot zum zweiten Cappuccino bevor sie shoppen geht und die beiden zurückgebliebenen Antishopper mit Peter und Sigrid zum ersten Campari des noch jungen Tages übergehen. Shirly schläft sich aus, ob wegen ihrer zwei harten Jobs oder Rochus’ Fahrstil bleibt ungeklärt. Nur Elmar und Rochus machen sich mit den Mopeds auf eine kurvenreiche Runde zum Lago di Engine. Lustig wird’s dann wieder gegen Abend, als sich die beiden Guzzisti Meno und Uschi aus St. Gallen, die es zufällig auf einer spontanen Testfahrt mit dem Camper an den Iseosee verschlagen hat, zur Reisegruppe gesellen.

 

Der zweite Tag der Toskanareise bringt kulturell wertvolle Impressionen von schönen Italienerinnen, einem ersten Sonnenbrand wegen ausgedehnter Campari-Süffelei an der Seepromenade, neue Mokassins für Traugott und bereits das ein oder andere, nudelbedingte Kilo Übergewicht.

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Tag 3: Buona sera in Sestri Levante

 

Wie immer gibt es über die Durchquerung der Poebene wenig bis nichts zu sagen. Wie immer ist die Autobahn-Route über Brescia nach Piacenza an Langeweile nicht zu überbieten. Aber dann biegen wir auf der SS45 nach Süden und nach den Schweizer Pässen kommt das zweite Mal Freude auf – auf traumhafter, leerer Landstraße wärmen wir die Flanken unserer Reifen gut auf und fahren immer an der bösen Regenkante entlang die 264 km via Bobbio ans Meer. Unser Hotel, das Grand Hotel dei Castelli thront über den beiden Stränden von Sestri Levante, und wir malen uns aus, wie glitschig die steile Auffahrt in den Luxusschuppen bei Regen werden könnte.

 

Wir checken ein, genießen eine der wenigen perfekten Hotel-Duschen dieser Welt, lachen über den antiquierten Lift, atmen Geschichte in den weitläufigen Anlagen des Grand Hotels und trinken eines der besten Morettis mit fantastischer Aussicht auf den noch fast leeren Strand. Durch einen weiteren Lift im Felsen beamen wir uns hinunter an den Strand und sparen so den mühsamen Fußweg über die Rampe. Nach dem Dinner in der Altstadt landen wir noch im Grand Hotel Villa Balbi auf einen Absacker zu heiseren Saxophonklängen – das Albi wird zum Geheimtipp für die nächste Reise gekürt.

 

Mühsam und müde schleppen wir uns die Rampe hoch ins Dei Castelli, und eigentlich sollten wir uns jetzt vornehm in die Gemächer zurückziehen. Allerdings wollen Rochus und Traugott noch Billar spielen und bestehen dabei auf meine Anwesenheit. Und so wird im Grand Hotel Dei Castelli die wohl seltsamste Billard-Partie der letzten Jahre ausgetragen: zwei Stunden für eine einzige Pool-Partie, weil die Lochtaschen-Öffnungen viel zu eng, die Queues so krumm oder der Tisch so groß sind. Rochus holt sämtliche Trickstöße aus seiner längst vergangenen Jugend hervor, ich probier’s mit Gewalt über die Banden und Traugott versucht es mit Gefühl. Alles umsonst – wie gesagt, knapp zwei Stunden um ein paar Kugeln zu versenken …

 

Das Frühstück am nächsten Morgen entschädigt für das nächtliche Fiasko – echt Grand Hotel eben. Und als der Kellner sieht, wie Lisi ihre Morgenzigarette rausholt, serviert er ungefragt den passenden Espresso zum Tschick – so macht man das im Grand Hotel in Sestri Levante.

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Tag 4: Über Lucca und Vinci nach Gambassi Terme

 

Habe ich das Traumfrühstück über dem Meer schon erwähnt? Oder die steile Abfahrt in die Niederungen der Stadt? Oder die Autobahn, die wir von La Spezia Richtung Carrara nehmen, um Zeit für zwei toskanische Reiseziele zu gewinnen? Doch bevor wir bei Viareggio die Autostrada Richtung Lucca und Vinci verlassen, kurz nach Carrara, röchelt Elmars Auspuff jämmerlich – beide Krümmermuttern seines rechten Auspuffs sagen „Arrivederci”. Während sich Rita leicht verkrampft, bleibt Elmar locker und verteilt die verbleibenden zwei Muttern auf beide Zylinder, um bei der nächsten Rast für Ersatzmütter zu sorgen. Dies sollte dann schon die letzte und einzige Panne der gesamten 2.000 Kilometer gewesen sein.

 

Im malerischen Lucca, Geburtsstadt von Puccini, lernen wir, wie es ein Vorarlberger zu großem Ansehen gebracht hat: Felix Pfanner begann 1846 mit der Brauerei des ersten italienischen Bieres, das er im Palazzo ausschenkte – die Einwohner soffen Pfanner zu Reichtum und Ehre, sein Bruder brachte es sogar zum Bürgermeister von Lucca.

Ein paar Kilometer auf Seitenstraßen später, besuchen wir noch Vinci, wo 1452 der große Leonardo geboren wurde. Die kleine Stadt sieht aus, als ob die Zeit stehen geblieben ist, nur die Museumswärter zählen zu den unfreundlichsten ihrer Art. Das Museum zeigt in Holzmodellen die Umsetzung von Leonardos Zeichnungen. Die vielfältigen Erfindungen des Universalgenies, vom Flugzeug über Schließmechanismen bis zum Schützenpanzer und Architektur-Entwürfen. Später, in den Uffizien zu Florenz sollten wir noch lernen, wie Leonardo auch in der Malerei eine ganze Epoche prägte.

 

Als wir aus dem Museum kommen, sehen wir, dass eine weitere Gewitterfront dunkelschwarz heran rollt. Sei es Glück, Leonardos Hilfe oder unser Schutzengel Harry: wir schaffen es ein weiteres Mal, gerade noch in unsere Unterkunft zu kommen und die letzten Meter einer Schotterpassage auf trockenem Terrain zu absolvieren. Tenuta Sant’Illario in Gambassi Terme, ein abgelegenes Refugium (aber mit Trattoria) wird für die nächsten drei Tage unser Flottenstützpunkt sein. 

 

Wir wandeln durch die gepflegte Anlage, werden vom besonderen Licht der Toskana geblendet, hoffen inständig, dass der Pool sich erwärmt – was in den kommenden Tagen nicht passieren wird – und genießen den Abend in der Trattoria. Das Wildschwein liegt schwer im Magen und der Chianti Sant’Illario ist großartig im Abgang, und bei der ein oder anderen Flasche wird beschlossen, am kommenden Abend eine toskanische Grillerei am Pool zu veranstalten.


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Tenuta Sant'Illario bei Gambassi Terme

Toskana pur mitten im Olivenhain

Heute haben wir kein Glück. Nicht mit dem Wetter, nicht mit der Temperatur, nicht mit der Stimmung. Also beschließen wir kurzfristig, einen Tag der Faulheit einzulegen. Mit anderen Worten: die Reiseleitung zieht sich für weitere Planungen stundenlang ins Bett zurück, die Camping-Profis Peter und Sigrid sichten den Bestand an Infrastruktur für die geplante Grillerei, Traugott überredet den Hotelchef zur kostenlosen Überlassung des Firmenautos, und gemeinsam stürmt die ausgelassene Truppe den dörflichen Supermarkt, greift sich sämtliche verfügbaren Chiantis, Spezial-Würste, Spareribs vom Feinsten, zarte Hühnerbrüste, Salate, Tomaten und Folienkartoffel, die im offenen Kamin gebraten werden sollen.

 

Tag 5: Wasser marsch im Weinberg

 

Inzwischen ist zur Reisegruppe auch ein Haustier gestoßen: am Rand des Pools steht Erich-Maria, ein etwas verloren wirkender Erpel, und wir fragen uns ernsthaft, ob seine Gefährtin in den Töpfen der Trattoria gelandet sein könnte, als „wildes Huhn” auf der Speisekarte. Erich-Maria sollte die gesamten drei Tage traurig und beinahe unbeweglich am Ufer seines Tümpels stehen, und sich nur bewegen, wenn wir ihm ein paar Krümel zuwerfen.

 

Die Grillerei mit stundenlang vorgekochten „Ripple”, Ofenkartoffeln, Huhn für Shirly und echt fetten toskanischen Würsten wird ein großer Erfolg. Nicht zuletzt dank der sieben Flaschen Chianti, die überaus professionell und gründlich verkostet werden. Und immer wieder, wenn es kurz aufreißt, glüht die toskanische Abendsonne und schenkt uns dann einen grandiosen Untergang.

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Tag 6: Tagestour nach San Gimignano und Volterra

 

Heute passt alles: das Wetter, und damit die gute Laune, die Abenteuerlust. Auf Nebenstraßen mit wenig Verkehr aber vielen Kurven pflügen wir durch die Toskana. Auf dem kulturellen Programm der Reisegruppe Erich-Maria – so nennen wir uns seit neuestem – steht San Gimignano, das Manhattan des Mittelalters. Schon im 14. Jahrhundert – lange bevor Trump seinen Tower in NY erigierte, artete die Frage nach „wer hat den größten” in skurrile Bauwut aus – die Geschlechtertürme waren weder besonders schön und schon gar nicht bequem, aber sie waren über 50 m hoch und zeigten somit, wer der Beste, Reichste, Schönste in der Stadt war. 15 dieser frühen Wolkenkratzer stehen heute noch im historischen Stadtkern des Weltkulturerbes und sind ein Muss im Rahmen jeder Toskanareise.

 

Die malerische Landstraße SP47, auf jeder Motorradkarte grün unterlegt, ist ein Eldorado für Biker: kein Verkehr, Kurven ohne Ende, schattige Passagen durch die Hügel und Wälder der oberen Toskana treiben die Öltemperatur der Guzzis in die Höhe. Rochus’ V7 schleift ihren Hauptständer ab – ein paar Drehungen an der Federvorspannung sorgen für Abhilfe, und auch Elmars Stelvio kratzt in jeder zweiten Kurve seine Initialen in den Asphalt. Meine V85TT, gesegnet mit gelbem Schwedengold, nimmt die Bodenwellen völlig gelassen und hält stabil seinen Kurs auch unter voller Last. Und Traugotts schöne Kathi stöckelt sowieso völlig unbeeindruckt über den welligen Asphalt.

 

Ebenfalls grün markiert auf der Karte biegt die Reisegruppe bei Castel San Gimignano nach Westen auf die Landstraße SR68 ab. Ziel ist Volterra, das lange vor den Römern bereits von den Etruskern besiedelt wurde. Wir bleiben nur kurz und versäumen daher die zahlreichen Sehenswürdigkeiten, die es hier noch zu bestaunen gäbe. Und wer sich für den besten Alabaster interessiert, der heute noch in der Umgebung abgebaut wird, liebt, wird sich in den vielen Geschäften verlieren. Garantiert. Leider haben wir auf unserer Reise durch die Zeit zu wenig von derselben, da wir noch ans Meer müssen, denn Peter und Elmar – und nur sie – wollen unbedingt baden gehen.


30 Kilometer später stehen wir auf der Spiaggia von Cecina. Neben uns kleine Bagger und noch kleinere Italiener, die den Strand für die in Kürze einfallenden deutschen Sommerfrischler auf Vordermann bringen. Die Reisegruppe einigt sich auf einen Campari, während sich zwei eiskalte Rocker in die ebensolchen Fluten stürzen. „Super warmes Wasser” sagen beide, aber ihre Gesichter erzählen eine ganz andere Geschichte. Was noch zu tun bleibt ist eine Gruppenaufnahme mit Helm am Strand.

 

Zurück bei den Motorrädern müssen wir erkennen, dass wir sie diesmal taktisch unklug direkt vor einem Dessous-Geschäft in der Fußgängerzone geparkt haben. Völlig irritiert fragt sich der eine Teil der Reisegruppe Erich-Maria, was der andere Teil dort drinnen zu suchen hat. Selbst als wir die Guzzis schon gestartet haben, steht Shirly immer noch gelassen am Tresen und lässt sich die neuesten Bikinis vorknoten.

 

Vorteil der nicht enden wollenden Shopperei: die Sonne steht schon tief und taucht die SP13, die wir jetzt nach Norden befahren, in ein wunderbares Licht: Toskana pur! Kurz vor Casciana Terme biegen wir nach Osten ab und trödeln über Straßen ohne Namen in Richtung unseres heimatlichen „Palazzo Imperiale Austriaco”. Kurz davor beschließen wir, in einer Pizzeria zu dinieren – allerdings ist der Ofen wörtlich aus und so müssen wir uns mit regionalen Spezialitäten zufriedengeben. Und so wir aus der Not eine Tugend, denn wir speisen fürstlich.

 

Es ist bereits stockdunkel, als wir vorsichtig den Schotterweg in unsere Tenuta nehmen, um uns dort am letzten Chianti zu vergreifen – Erich-Maria erwartet uns schon, einsam am Pool stehend.

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Die Reisegruppe Erich-Maria begrüßt ihren Namensgeber früh morgens am Pool, und dennoch beginnt der Tag eher stolpernd: zuerst ist der Herd defekt und das Frühstück droht ins Wasser zu fallen – wäre da nicht Elmar mit der Idee, die Eier im Wasserkocher weich zu boilern. Ich improvisiere derweilen Filterkaffee mit Hilfe eines Trichters, mit dem sonst vermutlich Motoröl eingefüllt wird. Dann muss sich Traugott kurzfristig verabschieden. Er fliegt von Florenz nach Zürich, um seinem Bruder die letzte Ehre zu erweisen, wird dann aber in zwei Tagen wieder zu uns stoßen. Es ist dies der zweite große Verlust für unseren Freund in diesem Jahr.

 

Tag 7: Die klassische Chianti-Runde

 

Teils aufgekratzt wegen dem genialen Frühstück, teils in großer Sorge um unseren Freund und teilweise skeptisch, was das Wetter betrifft, machen wir uns auf den Weg zur Chianti-Runde. Über Certaldo bollern wir gen Osten Richtung Sambuca nach Greve in Chianti, biegen dann nach Süden auf die SP72 in Richtung Radda in Chianti ab und machen Cappuccino-Stopp in Castellini in Chianti. Eine weitere kleine, wunderbare mittelalterliche Stadt mit einer Kirche, in der das Skelett des Stadtheiligen St. Faust vor sich hin gezeitet und die Stadt seit 1661 mehr oder weniger erfolgreich vor Epidemien, Trockenheit, Unfällen aller Art und Erdbeben beschützt hat. Zumindest der Schutz gegen Trockenheit funktioniert immer noch gut in der Gegend, denn es ziehen wieder dunkelschwarze Wolken auf, die uns zwingen, 1.) sofort  aufzubrechen und 2.) die Route zu ändern. Wir umfahren die Finsternis mit ihren Blitzen und schaffen es irgendwie, noch trockene Straßen zu finden. Das geht gut bis Monteriggione nördlich von Siena. Die mittelalterliche Festungsanlage bietet uns Schutz vor dem Gewitter und wir tafeln in einer der alten Tavernen.

 

Während ich mich bereits zu den Motorrädern schleppe und mich ins Regenzeug winde, überredet Rita die Reisegruppe Erich-Maria zur kurzfristigen Änderung der Route, um in Siena kulturell tätig zu werden, sprich: aktiv zu shoppen. Also fahre ich allein Richtung Norden, das Wetter klart auf und ich kurve durch’s Elsatal, begeistert wie gut der neue Dunlop Mutant auch auf nassen Kurven hält. Die Siena-Fraktion wird währenddessen mit einer weiteren unvergesslichen Stadtbesichtigung belohnt – und während ich mit meiner Lisi bereits beim Diner in der heimatlichen Taverne dem Chianti Classico zuspreche, trudeln die Ausreißer spät aber doch fröhlich von ihrem Siena-Abstecher zuhause ein. Ein Regenbogen im letzten Abendlicht in der Tenuta Sant’Illario belohnt die Guzzisti und beschließt einen weiteren wunderbaren Tag in der Toskana.

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Florenz – Modena – Parma

Zu Besuch bei den großen Meistern

Nachdem uns gestern Traugott verlassen hat, verabschieden sich heute Rochus und Shirly in Richtung Mailand, wir werden sie später in Feldkirch wieder treffen. Der verbliebene Rest der Reisegruppe Erich-Maria verabschiedet sich vom gleichnamigen Erpel am Pool, packt seine sieben Sachen und fährt eine kurze Etappe über Landstraßen nach Florenz. Die letzten Weinberge, die letzten Zypressen-Alleen und die letzten Schwünge durch das herrliche Land der Etrusker bereiten uns auf den nächsten Höhepunkt unseres Toskana-Trips vor: einer dreistündigen Privatführung durch die Uffizien – Prädikat: extrrem empfehlenswert.

 

Tag 8: Florenz – Privatführung durch die Uffizien

 

Nach den Tagen auf dem Land erschlägt uns die Stadt der Medici mit ihrer prachtvollen Opulenz – staunend überholen wir mit unserem Stadtführer Allessandro die 150 m lange Menschenschlange vor dem Eingang in die Uffizien und checken ein in eine faszinierende Kunstreise durch die Jahrhunderte. Eigentlich unglaublich, wie eine einzige Familie, in diesem Fall die unfassbar wohlhabenden Medicis, das weltweite Kunstschaffen in neue Höhen treiben konnte, während weiter im Norden die Menschen in ihren kalten, dunklen Bauten dunkle Gedanken schmiedeten. 

florenz

Die Erde war noch eine Scheibe, Amerika noch nicht entdeckt, als sich die großen Meister um Botticelli aufmachten, die Malerei zu revolutionieren. Leonardo erfand noch die Dimension der Bewegung im Bild und Michelangelo brachte seine Formensprache aus der Bildhauerei in die Malerei. Und das ging so weiter, bis dann endlich die Nordeuropäer wie Rembrandt ihre Technik des Lichts in die bildende Kunst einbrachten. All diese Werke und Künstler, bis hin zur Vorarlbergerin Angelika Kauffmann, sind in dieser weltweit einzigartigen Galerie mit ihren weit über 100 Sälen vertreten, und machen schlichtweg sprach- und atemlos. Auf Empfehlung Allessandros wechseln wir nach dem Besuch der Uffizien über den Ponte Vecchio ans andere Ufer des Arno, um uns kulinarisch von dem Feuerwerk an Formen und Farben zu erholen. Wir finden eine Taverne, spielen das Spiel von nervenden Touristen, die Kellner spielen mit und innerhalb kürzester Zeit unterhalten wir das halbe Lokal. Das ganze Schauspiel endet darin, dass sich Gäste und Kellner zum Grande Finale gemeinsam mit Sambuca vollschütten und versprechen, zum nächsten Treffen ihre ehrenwerten Familien zur Problemlösung mitzubringen. Noch im Taxi lachen wir uns durch das nächtliche Florenz und beschließen den einzigartigen Tag in Florenz auf dem Balkon von meinem Zimmer mit den letzten Campari-Resten. Während des gepflegten Absackens droht Rita ihrem Elmar in Kürze körperliche Züchtigung an, Sigrid will Peter erneut in Fesselspiele verwickeln, nur Lisi und ich fallen in züchtigen Schlaf, bei dem ich dann von der Geburt der Venus träume. Lisi verweigert die Preisgabe ihres Traumes, es dürfte sich aber um eine Skulptur Michelangelos handeln.

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Tag 9: Modena – Museum Enzo Ferrari

 

Wir holen nach dem schlechtesten Kaffee Italiens unsere Motorräder aus der hoteleigenen Garage und fahren durch den Regen in Richtung Flughafen, wo wir Traugott wieder sehen, der heil von seinem Trip nach Vorarlberg zurück in Florenz gelandet ist. Gemeinsam fahren wir die A11 in Richtung Bologna und biegen dann nach Westen nach Parma ab, wo dann irgendwo auch unsere lieb gewonnene Toskana enden wird. 

 

Die Werke der alten Meister beschäftigen immer noch unsere Gedanken, während wir gemütlich erst durch gelbe Raps- dann durch rote Mohnfelder bollern. Und nach all den Botticellis, Michelangelos, Tizians und Leonardos fehlt in unserer Sammlung von Weltkunst nur noch ein Bildhauer der Neuzeit, dem wir in Modena unsere Aufwartung machen. Dort, im Museum Enzo Ferrari stehen sie, die Skulpturen der Gegenwart. Entwickelt von einem Genie der Technik und in Metall gegossen von Pininfarina, den Großmeistern italienischen Designs. Entgegen der teilweise schlechten Kritik im Netz – vor allem der unerbittlichen Schuhmacher-Fans aus Deutschland – will das Museum in Modena vorrangig die Inspiration des Commendatore vermitteln, die in der Fabrik des Vaters ihren Anfang nahm. Die Auswahl der ausgestellten Ferraris ist nicht komplett, zeigt aber die Meilensteine bei der Entwicklung einer der größten Legenden des Automobilbaus. Auch das gläserne Gebäude, das sich um das alte Fabriksgebäude windet, zeigt italienische Architektur von ihrer atemlosen Seite.

Den kurzen Weg zu unserem Ziel in Parma nutzen wir zum gedanklichen Kassensturz in Verbindung mit der Investition in einen Ferrari, was aber dann doch kein sinnvolles Ergebnis bringt. Wir brechen die trüben Gedanken ab, weil wir uns in der Innenstadt Parmas konzentrieren müssen, um unsere Herberge für die Nacht zu finden. Mitten im historischen Zentrum von Parma bietet unser Palazzo Della Rosa Prati die perfekte Unterkunft an der Piazza Duomo, einem der schönsten Plätze Italiens.

 

Der Palazzo in Parma

 

Die hübsche Rezeptionistin versorgt uns mit kulinarischen Geheimtipps in der wunderbaren Altstadt, denen wir gerne folgen. Nach einem opulenten regionalen Dinner – übrigens zu erfreulichen Preisen, wie überall auf unserer Toskana-Reise – trödeln wir durch das nächtliche Parma nach Hause in unseren Palazzo – wir haben noch ein wenig Wein gekauft, zu dem wir uns gegenseitig in das repräsentative Apartment von Traugott, Lisi und mir einladen. Mit dem kleinen Umtrunk verabschieden wir uns von Peter und Sigrid, die morgen direkt den Heimweg antreten werden, während die dann arg dezimierte Reisegruppe Erich-Maria noch eine Nacht in Südtirol verbringen wird.

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Über Parma und Meran nach Feldkirch

Im Adlerhorst hoch über der Stadt

Beim Checkout im Palazzo geben werden noch unsere Nummerntafeln notiert, um sämtliche Verstöße in Parma, wie Fahren gegen die Einbahn oder guzzeln in der Fußgängerzone, getilgt werden. So einfach geht das in Italien…
 

Tag 10: Almauftrieb hoch über Meran

 
Nachdem wir Peter und Sigrid verabschiedet haben, machen auch wir uns bei Sonnenschein langsam auf den Weg: erst durch die auch diesmal langweilige Poebene nach Mantua und über die A22 nach Trient, wo wir dann ins Val di Non auf die SS43 abbiegen und über den Gampenpass nach Lana schwingen. An kulturellen Sehenswürdigkeiten ist heute die versiffte Toilette im Keller einer Bar in Mantua zu erwähnen, die sich von innen nur durch Hilfe von außen öffnen lässt und auch sonst für Fieberblasen bei Rita, Lisi und Traugott sorgen wird.

 

Wir landen nach 300 ereignislosen Kilometern in Meran, biegen ab in den Vinschgau und fragen sechs Kilometer später in Partschins nach dem berühmten Wasserfall. Weitere sechs Kilometer später klettern wir über einen „Mini-Stelvio” auf 1.350 m zum Greiterhof, dem letzten Domizil unserer Reise. Die 1.000 Höhenmeter auf einem engen Sträßchen mit sehr engen Serpentinen ist für die vollbeladenen Motorräder eine kleine Herausforderung, bei meiner V85TT steigt die Öltemperatur wieder mal auf 140° C! 
 
Oben angekommen lachen breit über die verschwitzten Gesichter: Die Lage des Greiterhofs ist auch für Südtirol so ziemlich einzigartig – von der Terrasse aus siehst du direkt unter dir auf Meran und den Vinschgau, 1.000 m Luftlinie im freien Fall. Selbst der Misthaufen ist eine klassische Hanglage, nicht auszudenken, wenn die Mauer bricht und die Lawine ins Tal donnert. Der nach einem Brand wieder aufgebaute Greiterhof wird von der Familie in dritter oder vierte Generation geführt – die jungen und alten Gastgeber sind sagenhaft freundlich und naturverbunden. Ein echter Geheimtipp für Südtirol-Urlauber.

 

Während die Damen die neuen, heimeligen Zimmer beziehen und sich Elmar ein erstes Höhenbier reinzischt, helfen Traugott und ich beim Verladen von Schafen für den sommerlichen Almauftrieb. Der gelungenen Herbergsuche folgt ein fantastisches, hausgemachtes, Abendessen und noch das ein oder andere Bier zum Ausklang des Tages. Ein letzter Blick vom Balkon aus in die Lichter der Stadt – und eine letzte sternenklare Nacht, bevor die große Unwetterfront den Norden Italiens zu überschwemmen droht.

Für den Tag der Rückreise zeigen sämtliche Regenradars online dunkelrote Felder ausgerechnet dort, wo wir uns Richtung Bodensee bewegen wollen. Elmar schmeißt die Nerven weg und beschließt, dem Wetter großflächig nach Südwesten auszuweichen – und Rita freut sich schon auf Powershopping in Luino. Die Beiden werden einen Tag später wohlbehalten – und vor allem trocken – via Lago Maggiore nach Hause kommen. Das verbliebene Reisetrio Erich-Maria, bestehend aus Traugott, Lisi und mir, will die vorgesehene Route nach Norden konsequent durchziehen – zumindest bis Glurns. Sollte das Wetter-Desaster dann zu schlimm werden, werden wir dort übernachten und das Unwetter unter der Bettdecke abwettern.

 

Tag 11: Endlich kommt die Regenwalze
 

Ich bummle an der Spitze des Trios durch den Vinschgau, mache mir Gedanken, ob die stetige Dezimierung der Reisegruppe etwas mit meiner Reiseleitung zu tun hat, und fahre schließlich trocken durch das Stadtor von Glurns. Wir schlürfen Cappuccino und wärmen uns mit heißer Schokolade auf – wir schreiben Mitte Mai. Und als dann die Frage nach der Hotelsuche aktuell wird, wird es plötzlich heller am Himmel über Glurns. Wir entschließen uns, es über den Reschen zu wagen, das Stilfser Joch ist sowieso gesperrt. Zu unserer Überraschung bleibt die Straße über den Reschen trocken und dazu auch noch gänzlich ohne Verkehr. Nach all den Kolonnenfahrten die Jahre zuvor, donnern wir diesmal völlig unbehelligt im gehobenen Tempo über den Reschen. Am gleichnamigen See muss jemand den Stöpsel gezogen haben – er ist fast leer. Auf dem Grund schürfen unzählige Bagger – Goldsuche auf italienisch?

 

Beim klassischen Foto vor dem versunkenen Kirchturm regnet es immer noch nicht, es ist nur kalt und windig. So schaffen wir auch die nächste Etappe bis Landeck – immer noch im roten Regenradar-Bereich und immer noch auf trockener Straße, Dann endlich, kurz nach Landeck, kommt der Regen. Über den Arlberg-Pass gesellt sich dann auch noch die Kälte dazu – aber die +4° C schrecken uns nicht mehr, eineinhalb Stunden von zu Hause entfernt.

 

Es kommt, wie immer: kurz vor unserem Ziel in Feldkirch hört der Regen auf und fängt das Schütten an – das Welcome-Bier nehmen wir auf der Terrasse in der Regenkombi und die letzten Minuten bis zur schützenden Höhle gießt es aus allen Kübeln. Wir lachen darüber, hat uns die letzten 2.000 Kilometer der Wettergott doch so perfekt beschützt wie nur irgendwie möglich. Und deshalb kann unsere 11-tägige Toskana Reise als kulturelles, kulinarisches und kurventechnisches Gesamtkunstwerk der besonderen Art in unserem Reisearchiv – und in unseren Herzen – abgelegt werden.

Infobox Toskana

Infos / Routenplaner

Motorradtour Toskana

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Tagesetappen (7):   Feldkirch - Iseo, Iseo - Sestri Levante, Sestri Levante - Gambassi Terme, Gambassi Terme Florenz, Florenz - Parma, Parma - Meran, Meran - Feldkirch
Tagestouren (2)
 

Gambassi Terme, San Gimignano, Volterra, Cecine

Gambassi Terme, Greve in Chianti, Monterriggione, Siena

Streckenlänge:   ca. 2.300 km
ø Geschwindigkeit:   ca. 55 km/h
ø Verbrauch:   5,1 l/100 km  (Moto Guzzi V85TT)
Alle Angaben ohne Gewähr
Toskana Etappe 1
Feldkirch – Iseo

Distanz gesamt: 328 km

Reine Fahrzeit: 5:05 h

ø Geschwindigkeit: 64 km/h

Unterkunft: Hotel International

http://www.internationalhoteliseo.it

Toskana Etappe 2
Iseo – Sestri Levante

Distanz gesamt: 264 km

Reine Fahrzeit: 04:26 h

ø Geschwindigkeit: 59 km/h

Unterkunft: Hotel Grand Hotel dei Castelli

https://www.hoteldeicastelli.it

Toskana Etappe 3
Sestri Levante – Gambassi Terme

Distanz gesamt: 216 km

Reine Fahrzeit: 04:18 h

ø Geschwindigkeit: 50 km/h

Unterkunft: Tenuta Sant'Illario

https://www.tenutasantilario.it

Toskana Rundtour 1
Gambassi Terme – San Gimignano – Volterra – Cecine – Gambassi Terme

Distanz gesamt: 206 km

Reine Fahrzeit: 04:37 h

ø Geschwindigkeit: 44 km/h

Toskana Rundtour 2
Gambassi Terme – Greve in Chiante – Monterrigione – Siena – Gambassi Terme

Distanz gesamt: 147 km

Reine Fahrzeit: 03:19 h

ø Geschwindigkeit: 44 km/h

Toskana Etappe 4
Gambassi Terme – Florenz

Distanz gesamt: 68 km

Reine Fahrzeit: 01:31 h

ø Geschwindigkeit: 44 km/h

Unterkunft: Hotel Jane

https://www.hoteljane.it

Toskana Etappe 5
Florenz – Parma

Distanz gesamt: 193 km

Reine Fahrzeit: 03:21 h

ø Geschwindigkeit: 57 km/h

Unterkunft: Palazzo della Rosa Prati

https://www.palazzodallarosaprati.it

Toskana Etappe 5
Parma – Partschins (Meran)

Distanz gesamt: 311km

Reine Fahrzeit: 06:18 h

ø Geschwindigkeit: 49,5 km/h

Unterkunft: Greiterhof

https://greiterhof-partschins.it

Toskana Etappe 6
Partschins – Feldkirch (via Stelvio)

Distanz gesamt: 235 km

Reine Fahrzeit: 04:36 h

ø Geschwindigkeit: 51 km/h